24 Aug

Eine Kollegin fragt, ob du einen Dienst mit ihr tauschen kannst. Eigentlich hast du schon etwas geplant. Du merkst sofort: Ich möchte nicht. Trotzdem hörst du dich sagen: „Ja, mach ich.“Die Tante/Mutter erwartet, dass du sie spontan zum Einkaufen fährts. Du hattest dir vorgenommen, endlich einmal Zeit für dich zu haben. Trotzdem sagst du zu – und ärgerst dich später über dich selbst.Dein Partner*in erwartet, dass du Aufgaben erledigst, die er/sie ebenso gut könnte. Du übernimmst sie automatisch. Diese Beispiele könnten viele von uns endlos fortsetzten.Oft stellt sich das schlechte Gefühl erst später ein. Und dieses Gefühl zeigt sich auch körperlich. Der Körper kann eine Grenze anzeigen, bevor wir sie bewusst formulieren können. Manche Menschen bemerken Anspannung, ein flaues Gefühl im Bauch, Druck im Brustbereich, einen Kloß im Hals oder innere Unruhe. Andere spüren zunächst kaum etwas und merken erst später, dass sie erschöpft oder gereizt sind. Wir ärgern uns über uns selbst, machen uns Vorwürfe, fühlen uns ausgenutzt. Wie merkst du, dass dir etwas zu viel wird???

Wann sagen wir „Ja“, obwohl wir „Nein“ meinen? Im Moment der Anfrage löst ein schnelles „Ja“ zunächst das unmittelbare Problem: Wir müssen keinen Konflikt aushalten, niemanden enttäuschen und uns nicht erklären. Die Situation ist vorerst erledigt. Erst danach bekommen die eigenen Bedürfnisse wieder Raum. Dann tauchen Gedanken auf wie: Eigentlich wollte ich das gar nicht. Jetzt habe ich wieder keine Zeit für mich. Warum habe ich nicht einfach „Nein“ gesagt? Aus dem ursprünglichen Wunsch, einen Konflikt mit einem anderen Menschen zu vermeiden, kann dadurch ein innerer Konflikt entstehen. Ein schnelles Ja kann kurzfristig für Harmonie nach außen sorgen – und gleichzeitig Unzufriedenheit im Inneren erzeugen. In meiner Beratungspraxis ist dies ein Thema, das sehr oft vorkommt! Gerade Menschen, die viel Verantwortung übernehmen, hilfsbereit sind und hohe Ansprüche an sich selbst stellen, bemerken ihre eigenen Grenzen oft erst spät. Ein Nein fühlt sich dann schnell egoistisch oder falsch an. Erst recht, wenn es um Menschen geht, die einem wichtig sind. Familie, Kinder, Partner, Arbeitskollegen, Nachbarn.

Warum ist Nein sagen so schwierig? Hinter dem Nicht-Nein-Sagen steckt oft mehr als mangelnde Durchsetzungsfähigkeit. Angst vor Ablehnung: Menschen möchten dazugehören und akzeptiert werden. Hinter einem  Gedanken stehen wie: „Was denkt sie dann von mir?“ „Vielleicht ist er enttäuscht.“ „Dann hält man mich für egoistisch.“ Das eigentliche Problem ist also manchmal gar nicht das Nein, sondern die befürchtete Reaktion des Gegenübers. Bedürfnis nach Harmonie: Manche Menschen halten Spannungen nur schwer aus. Ein Ja beendet die unangenehme Situation zunächst. Kurzfristig entsteht Ruhe. Langfristig können jedoch Ärger, Überforderung und Unzufriedenheit entstehen. Das Ja erhält manchmal die Harmonie nach außen – während innen der Konflikt beginnt. Erziehung und Rollenbilder: Viele Menschen haben früh gelernt: Sei hilfsbereit.  Enttäusche andere nicht. Stell dich nicht so an. Sei unkompliziert. Familie hält zusammen. Ein guter Mitarbeiter hilft. Eine gute Mutter kümmert sich um alle. Welche Regeln und Erwartungen habe ich übernommen – und passen sie heute überhaupt noch zu meinem Leben? Selbstwert und das Bedürfnis, gebraucht zu werden: Manche Menschen erleben Anerkennung besonders stark darüber, für andere da zu sein.„Wenn ich gebraucht werde, bin ich wichtig. "Dann kann ein Nein unbewusst bedeuten: Bin ich noch liebenswert, wenn ich nicht helfe? Manchmal lohnt es sich deshalb, nicht nur zu fragen: „Warum kann ich nicht Nein sagen?“, sondern auch: „Was gibt mir mein ständiges Ja?“

Der innere Konflikt: Zwei Seelen, ach in meiner Brust“ Tatsächlich haben wir alle viel mehr als nur zwei Stimmen in uns, nicht nur „Engelchen“ und „Teufelchen“, sondern unterschiedliche Anteile mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Ein innerer Anteil sagt: „Ich brauche endlich Ruhe.“ Ein anderer: „Aber ich möchte niemanden enttäuschen.“ Ein weiterer: „Andere schaffen das doch schließlich auch.“ Und vielleicht noch: „Wenn ich Nein sage, gibt es Streit.“ Häufig stehen verschiedene Bedürfnisse und Werte miteinander in Konflikt.

Beispiel „Anna“ Anna arbeitet 30 Stunden, hat zwei Kinder und kümmert sich regelmäßig um ihre Mutter. Eine Kollegin bittet sie, am Freitag länger zu bleiben. Anna wollte früher gehen.I hr erster Gedanke: „Eigentlich geht es nicht.“ Ihr zweiter: „Die anderen springen schließlich auch für mich ein.“ Sie sagt Ja. Am Abend ist sie erschöpft und ärgert sich – über die Kollegin und über sich selbst. Wo hätte Anna ihre Grenze wahrnehmen können? Ist die Kollegin verantwortlich dafür, dass Anna Ja gesagt hat?…weg von Schuld und hin zu Eigenverantwortung und Grenzwahrnehmung.

Grenzen müssen zuerst wahrgenommen werden Bevor jemand lernen kann, Nein zu sagen, muss die Person überhaupt erkennen: Wo ist meine Grenze?  können beispielsweise sein: innerer Widerstand, Gereiztheit, Erschöpfung, Druckgefühl, sofortiges Rechtfertigen, das Gefühl „Eigentlich möchte ich nicht“, Ärger nach einer Zusage. Manchmal weiß der Körper schon Nein, während der Mund noch Ja sagt.

Nein sagen lernen: Ein wichtiger erster Schritt muss kein sofortiges Nein sein. Statt automatisch zuzusagen: Zeit gewinnen. Zum Beispiel: „Ich schaue nach und gebe dir Bescheid.“ „Ich möchte kurz darüber nachdenken.“ „Ich kann dir das jetzt noch nicht zusagen.“ Danach kannst du eine einfache Regel vorstellen: Vor einem Ja drei Fragen stellen Will ich das?
Kann ich das gerade leisten?
Was kostet mich mein Ja? 
Denn jedes Ja zu etwas kann gleichzeitig ein Nein zu etwas anderem sein: Ja zur zusätzlichen Arbeit – Nein zur Erholung. Ja zu den Erwartungen anderer – Nein zum eigenen Bedürfnis. Nein braucht nicht immer eine ausführliche Rechtfertigung.

Kleine Selbstreflexion: Denke an eine Situation, in der du kürzlich ja gesagt hast, obwohl du Nein sagen wolltest.   

  • Was      wurde von mir erwartet?      
  • Was      wollte ich eigentlich?      
  • Was      habe ich befürchtet, wenn ich Nein sage?      
  • Was      hat mich mein Ja gekostet?      
  • Was      hätte ich stattdessen sagen können?

Und als letzte Frage: Was wäre vermutlich tatsächlich passiert, wenn ich Nein gesagt hätte? Gerade diese letzte Frage kann spannend sein, weil Erwartung und Realität oft auseinanderliegen. In meiner Beratung geht es nicht darum zu lernen, Nein zu sagen. Woher kommt mein Bedürfnis, es allen recht zu machen?

Welche Erwartungen erfülle ich?

Welche davon sind überhaupt meine eigenen?

Was brauche ich, damit ich meine Grenzen ernst nehmen kann?

Vom Verstehen ins Erleben In der Beratung können wir gemeinsam hinschauen: Warum fällt es mir so schwer, Nein zu sagen? Was hält mich davon ab, meine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen? Welche Erwartungen, Ängste oder Gewohnheiten spielen dabei eine Rolle? Doch etwas zu verstehen, bedeutet nicht automatisch, es auch verändern zu können. Oft wissen wir ganz genau, dass wir eine Grenze setzen sollten – und sagen im entscheidenden Moment trotzdem wieder Ja. Hier bietet die pferdegestützte Beratung eine besondere Möglichkeit: Das, worüber wir zuvor gesprochen haben, kann unmittelbar erlebt und ausprobiert werden. Das Pferd reagiert auf unsere Körpersprache, unsere Klarheit und darauf, wie selbstverständlich wir unseren eigenen Raum einnehmen. So wird aus der Frage „Warum kann ich nicht Nein sagen?“ eine konkrete Erfahrung: Wie fühlt es sich an, eine Grenze zu setzen, klar zu bleiben und trotzdem in Verbindung zu sein? Manchmal macht genau dieses Erleben etwas sichtbar, wofür Worte allein nicht ausreichen. Pferde reagieren sehr sensibel auf Körpersprache, Spannung, Klarheit, Nähe und Distanz. Sie bewerten dabei nicht, ob ein Verhalten „richtig“ oder „falsch“ ist. Ihre Reaktion kann vielmehr sichtbar machen, wie klar ich selbst gerade bin: Weiß ich, was ich möchte? Kann ich meinen Raum einnehmen? Setze ich eine Grenze – und bleibe ich auch dabei? Der Unterschied liegt für mich deshalb vor allem im Erleben statt nur im Darüber-Sprechen. Wahrnehmung, Körpergefühl und eigenes Verhalten werden stärker einbezogen. Anschließend können wir gemeinsam reflektieren: Was ist gerade passiert? Was hat sich verändert, als ich klarer geworden bin? Und wo kenne ich genau dieses Muster aus meinem Alltag? So kann aus einem zunächst kleinen Erlebnis mit dem Pferd eine wichtige Frage entstehen: Wie kann ich auch im Alltag bei meinem Nein bleiben, ohne dabei die Verbindung zu meinem Gegenüber zu verlieren?


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